Zweites Kind: Rivalität oder Geschwisterliebe?

Wie unser Großer lernte, seine Schwester zu lieben.

Author: Clara, 31, 23.01.2018

„Schatz, wir müssen reden. Bitte setz dich mal zu mir“, bat ich mit einem leichten Seufzen. Schatz sah mich mit großen Augen an und setzte sich bereitwillig neben mich. Ich legte meinen Arm um ihn. „Es gibt da noch jemand anders…“ Mir fehlten die Worte. Es war schwierig. Schatz sah mich an und schien nicht ganz zu verstehen, was ich ihm sagen wollte. Das heißt, ich bin ziemlich sicher, dass er mich nicht perfekt verstand. Er war nämlich zu diesem Zeitpunkt eineinhalb Jahre alt.

Es war an der Zeit ihm zu erklären, dass er seinen Status „Einzelkind“ in ungefähr drei Monaten aufgeben müsste. Nach der Geburt unseres ersten Sohnes wünschten mein Mann und ich uns schon bald ein weiteres Kind. Ziemlich genau am ersten Geburtstag unseres Kleinen bzw. unseres „Großen-in-spe“ wurde ich wieder schwanger. Das zweite Kind sollte ein Mädchen werden. Wir freuten uns riesig. Immer wieder fragten uns unsere Freunde, ob wir es unserem Sohn schon gesagt hätten und ob er es verstünde. 

Wir haben es natürlich versucht. Wir zeigten ihm meinen größer werdenden Bauch. Er bekam das Kinderbuch „Wir sind jetzt vier“ mehrmals am Tag vorgelesen. Er war von dem Buch begeistert. Allerdings vor allem von dem Fußball, der in dem Buch andauernd vorkam. Doch konnte ein Eineinhalbjähriger die Tragweite eines weiteren Geschwisterchens im Vorfeld schon erfassen? 

Unsere Ideen und Tricks

So machten wir uns viele Gedanken darüber, wie wir unseren Sohn auf den Neuankömmling vorbereiten könnten. Neben den Kinderbüchern zu diesem Thema gaben wir unserem Sohn eine Babypuppe, die wir abends gemeinsam ins Bett brachten. Er durfte seine Hand auf meinen Bauch legen und ich erklärte ihm, dass ein Baby darin sei. Er kam bald zu dem Schluss, dass es grundsätzlich nicht Bauch sondern Baby heißen müsse; denn irgendwann fing er an, wildfremden, nicht schwangeren (!) Passanten auf den Bauch zu zeigen und begeistert „Da! Baby!“ zu rufen. 

Meine Schwägerin gab uns den Tipp das Bettchen für das neue Baby schon frühzeitig im Kinderzimmer aufzustellen, damit der große Bruder in spe sich schon einmal daran gewöhnen könne. Das klappte tatsächlich wunderbar. Unter dem Babybettchen konnte er sich außerdem herrlich hinsetzen und spielen.

Es ist so weit! Die Geburt naht!

Meine Wehen begannen ganz langsam und früh am Morgen. Mit diesem Zeitpunkt hatten wir großes Glück, denn so konnte mein Mann unseren Sohn noch in Ruhe in die Kita bringen. Als ich mich von meinem Sohn an diesem Morgen verabschiedete, hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Bei unserem nächsten Wiedersehen würde er wohl mit seinen 21 Monaten schon ein großer Bruder sein. Die Geburt verlief gut und nur wenige Stunden später hielten wir unsere erste Tochter im Arm.

Die Geschwister lernen sich kennen

Einen Tag nach der Geburt durfte der große Bruder mit ins Krankenhaus kommen um seine kleine Schwester kennenzulernen. Wir als Eltern waren nervös und in freudiger Erwartung. Der große Bruder jedoch warf dem Neugeborenen einen skeptischen Blick zu, hielt kurz inne und wandte sich dann den wirklich wichtigen Dingen zu: Dem Mülleimer, der in meinem Krankenzimmer stand, dessen Plastiktüte so schön raschelte.  

Das Baby kommt mit nach Hause

Als ich mit dem kleinen Baby nach Hause kam, dämmerte es dem großen Bruder: Dieses Baby war jetzt tatsächlich bei ihm eingezogen. Da half auch das Geschenk nicht, das wir ihm im Namen seiner kleinen Schwester überreichten. Die Mundwinkel rutschten nach unten. Er rannte heulend ins Kinderzimmer, schlug seinen Kopf auf die Matratze und jammerte immer wieder: „Nein! Baby, nein!“ Meine Mutter, die uns gerade besuchte, ging zu ihm, streichelte ihn und fragte ihn, ob er mal in ihren Arm kommen wolle. Er wollte und vergoss dort bittere Tränen.Ich selbst war am Boden zerstört.

Des Rätsels Lösung

In den Tagen darauf brachte ich meinen Sohn wie gewohnt abends ins Bett, während das Baby bei der Großmutter nebenan schlief. Das Festhalten an diesen lieb gewonnenen Ritualen schien ihm gut zu tun. Wir überlegten fieberhaft, wie wir ihn mit der Situation ein wenig versöhnen könnten. Schließlich setzten wir unseren Sohn auf unser Bett und legten ihm seine kleine Schwester auf den Schoß. Zuerst fand er das gar nicht gut und fing an zu quengeln, doch nach ein paar Sekunden geschah das kleine Wunder: Er begann seine kleine Schwester zu streicheln und berührte ihre Händchen, ihre Nase und ihre Haare. Dann strahlte er. "Baby!", rief er begeistert.

In den Minuten darauf lernten sich die beiden Geschwister kennen. Irgendwann lagen sie nebeneinander auf dem Bett und strahlten sich an. Normalerweise heißt es, dass Neugeborene erst nach einigen Wochen bewusst lachen würden. Doch ich könnte schwören, dass die Kleine mit ihren fünf Tagen ihren großen Bruder angelacht hat. Sie öffnete das Mündchen und gab ein paar niedliche Laute von sich. Ein goldener Moment, den wir nie vergessen werden.

Ich griff schnell zur Kamera und hielt diesen Moment fest. Das Foto haben wir später in die Geburtsanzeigen gedruckt. Ab da wurde aus dem skeptischen Bruder ein sehr fürsorglicher, liebevoller Bruder, der dem weinenden Baby den Schnuller brachte, es trösten wollte und auf es "aufpasste", wenn ich kurz das Zimmer verließ.

Ein Jahr danach

Heute ist die Kleine genau ein Jahr alt, der Große feiert in drei Monaten seinen dritten Geburtstag. Seit unsere Tochter mobil geworden ist, zanken sie sich deutlich öfter. Der Große ärgert sich schwarz, wenn seine kleine Schwester durch seine Bauwerke aus Duplo robbt und alles zerstört; sie wiederum brüllt verärgert, wenn er sie zwickt oder ihre ersten tapsigen Gehversuche, mal mehr mal weniger absichtlich, vereitelt und sie umwirft. Doch dann gibt es auch wieder andere Moment: Dann hören wir, nachdem wir die beiden ins Bett gebracht haben, fröhliches Gegacker aus dem abgedunkelten Kinderzimmer und entdecken sie dort kichernd in ihren Bettchen stehend, wie sie einander anlachen und ihre Köpfe aneinander drücken. Wie ganz normale Geschwister eben.

 

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